Weltbank warnt vor historischem Rückschritt im Kampf gegen Armut

Armes kleines Mädchen in dreckiger Kleidung in einem afrikanischen Dorf, Armuts- und Krisenkonzept.
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Die Weltbank schlägt Alarm: Die Kluft zwischen den wohlhabenden und ärmeren Ländern vergrößert sich wieder. Man spricht sogar von einer „historischen Umkehrung“.

Gemäß Schätzungen der Weltbank lebten im Jahr 2020 etwa 719 Millionen Menschen weltweit in extremer Armut. Im Vergleich dazu waren es 2019 noch 648 Millionen Menschen, was einen Anstieg um etwa 70 Millionen innerhalb eines Jahres bedeutet. Dies stellt den höchsten Anstieg seit 1990 dar, dem Jahr, in dem die Weltbank begann, globale Armutszahlen zu erfassen.

Statistik: Anzahl der Menschen in extremer Armut weltweit in den Jahren 1990  bis 2019 und Prognose bis 2030 (in Millionen)

Auch wenn die Prognosen bis zum Jahr 2030 wieder besser aussehen, schlägt ein neuer Bericht der Weltbank Alarm.

Er zeigt, dass die wirtschaftlich schwächsten 75 Länder immer mehr an Boden verlieren. Erstmals seit dem Beginn dieses Jahrhunderts stagniert ihr durchschnittliches Einkommen pro Person im Vergleich zu den wohlhabendsten Volkswirtschaften und wächst nicht mehr weiter an. Ayhan Kose, stellvertretender Weltbank-Chefökonom und einer der Autoren des Berichts, warnt eindringlich vor einem ernsthaften strukturellen Rückschritt.

Derart schwaches Wachstum zuletzt in den Neunzigern verzeichnet

Diese 75 Länder profitieren eigentlich von der finanziellen Unterstützung der Weltbank in Form von Zuschüssen und zinsfreien Darlehen durch die International Development Association (IDA). Dennoch sagt der Bericht voraus, dass das Wirtschaftswachstum in diesen Staaten zwischen 2020 und 2024 nur bei 3,4 % liegen wird. Eine derart geringe Wachstumsrate wurde seit den frühen Neunzigerjahren nicht mehr verzeichnet.

Die Autoren des Berichts stellen außerdem fest, dass das Wachstum in vielen der betroffenen Länder bereits vor der Coronapandemie nachgelassen hat. Zusätzlich belasten Ereignisse wie der Einmarsch Russlands in die Ukraine, der Klimawandel und die Zunahme von Gewalt und Konflikten die Aussichten der ärmsten Länder erheblich. Ohne ehrgeizige politische Veränderungen und erhebliche internationale Hilfe riskieren diese Länder laut Weltbank ein verlorenes Jahrzehnt.

Wann gilt ein Staat als arm?

Die Weltbank definiert extreme Armut als Lebensumstände, in denen Menschen weniger als 2,15 US-Dollar pro Tag zur Verfügung haben. Diese Zahl wird entsprechend der lokalen Kaufkraft des US-Dollars umgerechnet. Das bedeutet, dass Menschen als extrem arm gelten, wenn sie sich nicht täglich die Menge an Gütern leisten können, die in den USA 2,15 US-Dollar kosten würden.

Die Schwelle von 2,15 Dollar wurde erst 2022 festgelegt, zuvor lag sie bei 1,90 Dollar. Neben dieser absoluten Armutsgrenze der Weltbank, die für alle Länder einheitlich festgelegt ist, gibt es auch nationale Armutsgrenzen, die relativ definiert werden. Relativ arm ist, wer ein Einkommen hat, das unter einem bestimmten Prozentsatz des mittleren Einkommens seines Landes liegt. In der Europäischen Union werden beispielsweise 60 % des mittleren Einkommens als Grenze für relative Armut verwendet. Armut in Deutschland wird im Allgemeinen als relative Armut betrachtet, da selbst sehr arme Menschen hier im Vergleich zu anderen Ländern noch über mehr finanzielle Mittel verfügen.

Mehr als die Hälfte der ärmsten Länder gehört zu Afrika

Der Zugang zu kostengünstigen Lebensmitteln bleibt für viele Menschen in den ärmsten Ländern eine Herausforderung. Mehr als die Hälfte dieser Länder befindet sich in Afrika, während 14 in Ostasien, acht in Lateinamerika und der Karibik liegen. 31 dieser Staaten haben ein Pro-Kopf-Einkommen von weniger als 1.315 Dollar pro Jahr, darunter die Demokratische Republik Kongo, Afghanistan und Haiti.

Die Grafik zeigt das Ergebnis einer Umfrage über die wichtigsten Probleme, die die afrikanischen Länder gemeinsam bewältigen müssen. 

Statistik: Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Probleme, die die afrikanischen Länder gemeinsam bewältigen müssen?

China, Indien und Südkorea beispielhaft

Indermit Gill, Chefökonom und Senior Vice President der Weltbankgruppe, betont, dass es sich die Welt nicht leisten kann, von Armut betroffene Länder zu vernachlässigen. Das Wohlergehen dieser Länder sei entscheidend für langfristige Aussichten auf globalen Wohlstand. Beispielhaft seien China, Indien und Südkorea. Alle drei Länder sind heute bedeutende Wirtschaftsmächte, waren einst jedoch Empfänger von IDA-Krediten. Durch die internationale Unterstützung hätten diese Länder profitiert und extreme Armut reduzieren sowie den allgemeinen Lebensstandard verbessern können.

Nationale Maßnahmen und internationale Unterstützung

Um Fortschritte in der Bekämpfung von Armut zu erzielen und das Risiko einer langwierigen Stagnation zu verringern, seien nun ehrgeizige Maßnahmen erforderlich, so Ayhan Kose. Dazu würden ganz klar nationale Anstrengungen zur Stärkung von Fiskal-, Geld- und Finanzpolitik sowie Strukturreformen zur Verbesserung der Bildung und Steigerung der Inlandseinnahmen gehören. Eine beträchtliche finanzielle Unterstützung durch die Weltgemeinschaft sei aber ebenfalls unerlässlich.

Kose betont außerdem das enorme Potenzial der ärmsten Länder für ein starkes, nachhaltiges und integratives Wachstum. Die Weltbank hofft, bis Dezember eine solide Aufstockung der IDA-Mittel zu erreichen.

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